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„Viel mehr und viel transparenter über die Bewirtschaftung von Wäldern kommunizieren“
Die Kindheit in der siegerländischen Natur und ihre späteren Erfahrungen im indonesischen Regenwald haben Stefanie Steinebach geprägt. Als Professorin für Kommunikation und Umweltbildung wünscht sich die Forstwissenschaftlerin einen offenen, transparenten Dialog über den Wald, seine Bewirtschaftung und die Effekte für den Klimaschutz. Aufeinander zugehen und mehr miteinander kommunizieren ist für Prof. Dr. Steinebach die Voraussetzung, um auf allen Seiten Bewusstsein für die wachsenden Herausforderungen zu schaffen.
Wald ist Klimaschützer (WiK): Der Wald berührt Menschen auf sehr unterschiedliche Weise – emotional, kulturell oder durch persönliche Erfahrungen. Welche Verbindung haben Sie persönlich zum Wald, und gibt es Erlebnisse, die Ihre Sicht auf ihn besonders geprägt haben?
Prof. Stefanie Steinebach: Mein Großvater hatte im Siegerland Fichten zur Weihnachtsbaumproduktion, die sind aber größtenteils keine Weihnachtsbäume geworden, sondern einfach auf dem Grundstück stehen geblieben und gewachsen. Ich habe es geliebt, den ganzen Tag zwischen den Bäumen zu verbringen und mir vorzustellen, ich wäre Försterin. Später habe ich dann nicht nur Forstwissenschaften studiert, sondern auch Ethnologie. So bin ich zu meinem prägendsten Erlebnis mit Wald gekommen: Für meine Doktorarbeit habe ich eineinhalb Jahre mit einer indigenen Gruppe im Regenwald in Indonesien gelebt. Der Wald ist alles für die Menschen dort … von der Behausung bis zur Nahrung und als essentieller Teil der eigenen Identität gibt der Wald den Menschen alles zum Leben Notwendige. Während dieser Zeit habe ich gelernt, wie sehr Menschen und Wald sich gegenseitig prägen.
WiK: Der Wald hat vielfältige Funktionen. Wie gelingt es aus Ihrer Sicht am besten, die Bedeutung des Waldes – etwa als CO₂-Speicher, Lebensraum oder Erholungsort – einer breiten Öffentlichkeit verständlich zu machen?
Prof. Stefanie Steinebach:
Nach meiner Erfahrung sind die meisten Menschen in Deutschland gut bis sehr gut über die Bedeutung des Waldes als Lebensraum, Erholungsort oder für den Klimaschutz informiert, auch wenn sie das vielleicht nicht immer mit den (forst-)fachlichen Begrifflichkeiten formulieren. Umfragen zeigen, dass der Wald beim größten Teil der Bevölkerung sehr beliebt ist und Menschen sich sogar Sorgen um die „Gesundheit“ der Wälder machen. Wichtig ist es daher, sich im Vorfeld Gedanken zu machen, mit wem genau wir kommunizieren und was genau wir mit unserer Kommunikation erreichen möchten.
Kommunikation muss dabei zielgruppenspezifisch sein, damit sie die intendierte Wirkung entfalten kann. „Die breite Öffentlichkeit“ ist daher eine höchst „undankbare“ Zielgruppe der forstlichen Kommunikation, denn wie in vielen anderen Bereichen des Lebens funktioniert „one size fits all“ in der forstlichen Kommunikation nicht wirklich gut. Um es einfach zu machen: Gut funktioniert forstliche Kommunikation immer dann, wenn wir einen Anknüpfungspunkt zur Lebenswelt der Zielgruppe haben, so dass Menschen bewusst wird, welche Bedeutung das Gesagte für sie persönlich hat : „Ah, der Wald als CO2-Speicher hat auch etwas mit mir zu tun!“ oder „Holzernte ist auch wichtig für mich, weil… .“
Meine Empfehlung, gerade auch für Waldbesitzende: Wann immer möglich, gehen Sie in den persönlichen Kontakt. Waldführungen sind die beste und nachhaltigste Möglichkeit, mit Menschen über den Wald und seine Bewirtschaftung ins Gespräch zu kommen und auch Wissen darüber zu vermitteln, was Forstleute noch alles tun, außer Bäume zu fällen.
WiK: In der Debatte um Wald und Klimaschutz stehen häufig technische oder politische Aspekte im Fokus. Welche Rolle spielt Kommunikation, wenn es darum geht, Bewusstsein für Waldschutz und nachhaltige Bewirtschaftung zu schaffen?
Prof. Stefanie Steinebach: Kommunikation ist der Schlüssel zum Verständnis der Notwendigkeit von Waldschutz und nachhaltiger Waldbewirtschaftung. Ein Bewusstsein für die Notwendigkeit bestimmter Handlungen entsteht immer dann, wenn Kausalzusammenhänge verstanden werden. Also, wenn wir langfristig von der Klimaschutzfunktion des Waldes profitieren wollen, dann müssen wir dieses oder jenes (nicht) tun. Wenn wir dieses oder jenes (nicht) tun, hat das folgende Auswirkung ….
Forstleute sollten noch viel mehr über sich und ihre Arbeit im und für den Wald berichten
WiK: 3. Wenn Sie auf Ihre Erfahrungen in Lehre, Forschung oder Praxis blicken: Welche Haltungen oder Missverständnisse begegnen Ihnen häufig im öffentlichen Diskurs über Wald und Forstwirtschaft – und wie kann man ihnen begegnen?
Prof. Stefanie Steinebach: Am häufigsten begegnen mir in allen drei Bereichen Missverständnisse darüber, was „Forstleute“ über „Nicht-Forstleute“ zu wissen meinen und umgekehrt. Nicht-Forstleute wissen oft sehr viel über den Wald, aber noch immer sehr wenig darüber, wie Waldbewirtschaftung funktioniert und wozu sie wichtig ist. Daraus resultiert oft das Bild, dass Forstwirtschaft einfach nur bedeutet, Bäume zu fällen und Holz zu ernten, ohne z.B. Erholungs- oder Naturschutzfunktionen gleichermaßen bewusst zu fördern. Auf der anderen Seite wird waldinteressierten Nicht-Forstleuten immer noch viel zu oft ein verklärter, romantisierender Blick auf den Wald unterstellt. Damit verbunden ist die Annahme, Menschen wollten zwar Holz, aber keine Holzernte im Wald vor der eigenen Haustüre, Kritik an der Forstwirtschaft wird oft als emotional und romantisch disqualifiziert.
Diese Missverständnisse aufzulösen, wäre eigentlich gar nicht so schwer. Ein erster Schritt könnte sein, viel mehr und viel transparenter über die Bewirtschaftung von Wäldern zu kommunizieren, damit Menschen nachvollziehen können, warum und wie eine Maßnahme durchgeführt wird. Forstleute sollten noch viel mehr über sich und ihre Arbeit im und für den Wald berichten. Das können auch Kleinigkeiten wie das Ausweisen von Habitatbäumen sein – ganz nach dem Motto „tue Gutes und sprich darüber“! Die Forstwirtschaft hat es selbst in der Hand, ob sie in ihrer Kommunikation vor allem die Holzproduktion und Holzernte in den Vordergrund stellt, oder ob sie auch noch andere Facetten ihrer Tätigkeiten zeigt und auch die Menschen „hinter dem Wald“ und deren Engagement für Wald und Gesellschaft sichtbar macht.
Forstleute sollten sich auch immer wieder bewusst machen, dass sie in den meisten Fällen einen sehr hohen Beliebtheitsgrad in der Bevölkerung genießen. Wenn man mit diesem Bewusstsein und der Haltung, dass Forst- und Nichtforstleuten ein gemeinsames Interesse am Wald haben aufeinander zugeht, lösen sich Vorurteile und Missverständnisse schnell auf.
WiK: Was wünschen Sie sich persönlich für die Zukunft der Kommunikation rund um Wald, Klimaschutz und Nachhaltigkeit – sei es aus wissenschaftlicher, politischer oder gesellschaftlicher Perspektive?
Prof. Stefanie Steinebach: Ich persönlich wünsche mir, dass Menschen in allen Bereichen sich mehr Zeit nehmen, einander zuzuhören und auch versuchen, andere Meinungen und Positionen zum Wald und seiner Bewirtschaftung zu verstehen. Verstehen heißt ja nicht zwingend, einverstanden zu sein. Oft kann aber die Beschäftigung mit anderen Meinungen auch bereichernd sein und es entstehen vielleicht sogar neue Ideen und Perspektiven.
Es wäre schön, wenn der Fokus nicht so sehr auf den negativen Beispielen liegt, sondern viel mehr über die positiven Ereignisse gesprochen wird. Gleichzeitig wünsche ich mir noch mehr Bewusstsein darüber, dass Waldbewirtschaftung eine langfristige Aufgabe ist, bei der zukunftsweisende Entscheidungen unter sich schnell ändernden Rahmenbedingungen getroffen werden müssen. Dieses Bewusstsein kann nur durch die entsprechende Kommunikation der Forstwirtschaft in Politik und Gesellschaft wachsen.
WiK: Vielen Dank für das Interview!
