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„Die Waldbrandsaison hat sich auf nahezu das gesamte Jahr ausgeweitet.“
Lange waren Waldbrände in Deutschland ein eher saisonales Phänomen. Das hat sich längst verändert. Zunehmende Trockenperioden, Stürme und klimabedingte Vegetationsveränderungen erhöhen das Risiko für Feuer in unseren Wäldern deutlich. Für die Feuerwehren bedeutet das: neue Herausforderungen, neue Taktiken, neue Verantwortung. Und für uns alle: Mehr Acht geben auf unseren wichtigsten Klimaschützer.
Dr. Ulrich Cimolino kennt die Situation wie kaum ein anderer. Der promovierte Vegetationsbrandexperte ist seit über 40 Jahren in der Feuerwehr aktiv, seit 2019 leitet er den Arbeitskreis Waldbrand im Deutschen Feuerwehrverband und ist zudem Mitglied der Forest Fire Commission des Weltfeuerwehrverbands (CTIF). Neben zahlreichen Fachveröffentlichungen gibt er sein Wissen seit Jahren auch in Vorträgen und Lehrveranstaltungen weiter.
Im Interview mit Wald ist Klimaschützer spricht er über den aktuellen Zustand unserer Wälder, die größten Brandrisiken und darüber, was Politik, Gesellschaft und jeder Einzelne tun können, um Wälder besser zu schützen.
Wald ist Klimaschützer (WiK): Heißer Juni, feuchter Juli: Wie schätzen Sie den aktuellen Zustand des Waldes aus Sicht der Feuerwehr mit Blick auf Trockenheit, Gefahrenlage und Einsatzhäufigkeit ein?
Dr. Ulrich Cimolino (UC): Nach den fast flächendeckend gefallenen, ergiebigen Niederschlägen der letzten Wochen hat sich der akute Zustand des Waldes verbessert. Aktuell ist die Gefahrenlage für Vegetationsbrände aufgrund der Durchfeuchtung des Oberbodens und des aufgenommenen Wassers in den bodendeckenden Pflanzen noch stark reduziert. Entsprechend geht die Einsatzhäufigkeit – trotz laufender Erntekampagne mit vielen Maschinen – noch gegen Null.
Grundsätzlich bestehen jedoch aufgrund der Sturm- und Trockenprobleme der letzten Jahre sowie der daraus folgenden Käferkalamitäten weiterhin zahlreiche Risiken für künftige Trockenphasen im Wald.
Die Lage wird sich in den kommenden Tagen allerdings wieder verschärfen. So erwartet das langfristige Vorhersagemodell der EU (EFFIS über Copernicus) für Mitteleuropa bis September leicht überdurchschnittliche Temperaturen bei eher unterdurchschnittlichen oder normalen Niederschlägen. In einigen Regionen kommt es schon in den nächsten Tagen wieder zu erhöhten Risiken. Je nach weiterer Wetterlage können sich diese Gebiete auch noch ausweiten. Nicht nur den Feuerwehren ist geraten, den Graslandfeuer- und den Waldbrandgefahrenindex des DWD im Auge zu behalten.
WiK: Wie bereiten sich die Feuerwehren bundesweit auf die Waldbrandsaison vor? Gibt es dabei standardisierte Abläufe oder regionale Besonderheiten?
UC: Die Waldbrandsaison 2025 ist längst im Gange. Im Vergleich zu früher hat sie sich auf nahezu das gesamte Jahr ausgeweitet. Die Feuerwehren arbeiten bereits seit Längerem daran, den veränderten Einsatzszenarien mit besserer Taktik und Technik sowie dazu angepasster Ausbildung zu begegnen.
Der große Vorteil der flächendeckend verfügbaren – vor allem Freiwilligen – Feuerwehren bringt zugleich die große Herausforderung mit sich, eine ausreichende Aus- und Fortbildung für alle zumindest auf einem einheitlichen Mindeststand sicherzustellen. Hinzu kommt die notwendige Spezialisierung einzelner Einsatzkräfte pro Landkreis, etwa für Aufgaben wie das Löschen aus der Luft, den Umgang mit Munitionsverdachtsflächen oder das vorbeugende und taktische Brennen uvm.).
Außerdem müssen Feuerwehren und die Land- und Forstwirtschaft künftig noch enger und frühzeitiger zusammenzuarbeiten, um schneller und gefahrloser Erfolge erzielen zu können.
WiK: Was sind aus Ihrer Erfahrung die häufigsten Ursachen für Waldbrände und was kann jede und jeder Einzelne tun, um das Risiko aktiv zu minimieren?
UC: In aller Regel ist der Mensch die Ursache für Waldbrände – entweder direkt durch vorsätzliche oder fahrlässige Brandstiftung oder indirekt durch technische Auslöser. Dazu zählen beispielsweise Arbeitsmaschinen wie Traktoren, Ballenpressen, Harvester oder Forwarder, aber auch der defekte Auspuff eines PKW mit Katalysator oder eines LKW, der gerade seinen Partikelfilter frei brennt.
Hier sind mehr Aufklärung und gezielte Kontrollen ebenso erforderlich wie eine regelmäßige Wartung der Maschinen. Während deren Nutzung sollte immer ein wachsames Auge auf mögliche Fehlfunktionen oder Probleme gerichtet sein.
Zudem gilt: Jeder sollte bei einem Verdacht auf Feuer im Freien sofort die Feuerwehr über die 112 alarmieren und möglichst genaue Ortsangaben machen. Dabei helfen unter anderem die Tafeln der Rettungskette Forst, Hinweise auf Schildern oder Wegweisern oder GPS-Daten vom Smartphone.
Der Wald braucht eine intensive Zusammenarbeit aller Akteuere
WiK: Mit dem Klimawandel steigen Trockenphasen und Extremwetterlagen. Worauf muss sich die Feuerwehr langfristig einstellen, wenn es um den Schutz unserer Wälder geht?
UC: Die Zahl der Extremwetterlagen wird vermutlich weiter steigen, auch wenn sich die Klimaforscher nicht wirklich einig sind, welche Probleme für die Gefahrenabwehr letztlich am stärksten zunehmen: Jene durch Starkregen und Stürme oder jene durch Vegetationsbrände infolge anhaltender Trockenheit.
Die aufeinanderfolgende Kombination aus Waldschäden durch Sturm sowie Trockenheit und anschließendem Borkenkäferbefall gefolgt von weiteren Trockenphasen mit stärkeren Winden – wie im Jahr 2022 – stellt für die Feuerwehr eine äußerst ungünstige Ausgangslage zur erfolgreichen Bekämpfung von Bränden dar. Besonders kritisch wird es, wenn diese Feuer in Munitionsverdachtsgebieten auftreten.
WiK: Was wünschen Sie sich von Politik, Gesellschaft und insbesondere von Bürgerinnen und Bürgern, um den Waldbrandschutz nachhaltig zu verbessern?
UC: Ohne eine intensivere Zusammenarbeit mit den Waldbesitzern und -pächtern und ohne die Unterstützung aus Politik und Gesellschaft werden wir die nötigen Aufgaben im vorbeugenden Bereich – die nicht originär bei der Feuerwehr liegen, bei denen wir aber gern beratend mitwirken– , nicht bewältigen können.
Wir brauchen den Umbau der Wälder – wo immer das geht – hin zu resilienterer Vegetation. Das wird Jahrzehnte dauern und muss daher sowieso durch andere Maßnahmen begleitet werden: Etwa durch Waldbrandriegel oder -schneisen in flächigen Nadelwäldern, Wundstreifen, befestigte Wege und vorbereitete Löschmittel wie Aufstaumöglichkeiten an Bächen, Löschwasserteiche und -behälter.
Solche Maßnahmen werden umso notwendiger, je mehr (kritische) Infrastruktur in und durch Wälder gebaut wird wie etwa Windenergieanlagen, Stromleitungen, Bahnanlagen, Konverter zur Umwandlung von Strom.
WiK: Vielen Dank für das Interview!
